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Kurzverzeichnis der 35 in dieser Ausgabe enthaltenen Schriften:

GE   EG   WW   PF   FN   GW   HG   RP   MA   CM   TH   AN   WE   SE   FK   AC   GU  

PdE   PdS   HdS   DSE   WS   SW   GF   GK   VM  VS  GG  KS   AD   DS   SL   AL   EH   ML

Haeckel und

seine Gegner

Anmerkungen.

HG, 50-53

1. Goethe und Kant (S. 4, Z. 12 ff. v. o.). Den Gegensatz, der zwischen Goethes und Kants Weltanschauung besteht, habe ich in den Einleitungen zu meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften (in Kürschner »Deutsche National-Litteratur«) und in meinem Buche »Goethes Weltanschauung« (S. 37 ff.) charakterisiert. Er zeigt sich auch in der Stellung der beiden Persönlichkeiten zur Erklärung der organischen Natur. Goethe sucht diese Erklärung auf dem Wege, den auch die moderne Naturwissenschaft betreten hat. Kant hält eine solche Erklärung für unmöglich. Nur wer sich in das Wesen von Goethes Weltansicht vertieft, kann ein richtiges Urteil über ihre Stellung zur Kant’schen Philosophie gewinnen. Die Selbstzeugnisse Goethes sind nicht maßgebend, da dieser sich nie in ein genaueres Studium Kants eingelassen hat. »Der Eingang (der Kritik der reinen Vernunft) war es, der mir gefiel, ins Labyrinth selbst konnte ich mich nicht wagen: bald hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich fühlte mich nirgend gebessert.« Ihm gefielen einzelne Stellen in Kants »Kritik der Urteilskraft«, weil er ihren Sinn so umdeutete, daß er seiner eigenen Weltanschauung entsprach. Es ist daher nur zu begreiflich, daß seine Gespräche mit Kantianern sich wunderlich ausnahmen. »Sie hörten mich wohl, konnten mir aber nichts erwidern, noch irgend förderlich sein. Mehr als einmal begegnete es mir, daß einer oder der andere mit lächelnder Verwunderung zugestand: es sei freilich ein Analogon Kantischer Vorstellungsart, aber ein seltsames.« Karl Vorländer hat in seinem Aufsatz »Goethes Verhältnis zu Kant in seiner historischen Entwickelung« (Kantstudien I. II.) dieses Verhältnis nach dem Wortlaut von Goethes Selbstzeugnissen beurteilt und mir vorgeworfen, daß meine Auffassung »mit klaren Selbstzeugnissen Goethes in Widerspruch« stehe und mindestens »stark einseitig« sei. Ich hätte diesen Einwand unerwidert gelassen, weil ich aus den Ausführungen des Herrn Karl Vorländer sah, daß sie von einem Manne herrühren, dem es ganz unmöglich ist, eine ihm fremde Denkweise zu verstehen; allein, es schien mir doch nötig, eine daran geknüpfte Bemerkung nicht ohne Antwort zu lassen. Herr Vorländer gehört nämlich zu denjenigen Menschen, die ihre Meinung für absolut richtig, also aus der höchstmöglichen Einsicht herrührend, ansehen, und jede andere zu einem Produkte der Unwissenheit stempeln. |51 Weil ich anders über Kant denke als er, giebt er mir den weisen Rat, gewisse Partien in Kants Werken zu studieren. Eine solche Art der Kritik fremder Meinungen kann nicht stark genug zurückgewiesen werden. Wer giebt jemandem das Recht, mich wegen einer von der seinigen abweichenden Anschauung nicht zu kritisieren, sondern zu schulmeistern? Ich habe daher Herrn Karl Vorländer im 4. Bande meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften meine Meinung über diese Schulmeisterei gesagt. Darauf hat er im 3. Bande der »Kantstudien« mein Buch »Goethes Weltanschauung« in einer Weise besprochen, die nicht nur das vorher wider mich geleistete der Form nach überbietet, sondern die auch voller objektiver Unwahrheiten ist. So spricht er von einer »isolierten und verbitterten Opposition«, in der ich mich gegen die gesamte moderne Philosophie (exklusive natürlich Nietzsche) und Naturwissenschaft befinde. Das sind gleich drei objektive Unwahrheiten. Wer meine Schriften liest – und wer über mich urteilt, wie Herr Vorländer, sollte sie doch lesen – wird ersehen, daß ich zwar an einzelnen Anschauungen der modernen Naturwissenschaft sachliche Kritik übe und andere philosophisch zu vertiefen suche; daß aber von einer verbitterten Opposition zu reden geradezu absurd ist. In meiner »Philosophie der Freiheit« habe ich meine Überzeugung dahin ausgesprochen, daß in meinen Anschauungen der philosophische Abschluß des Gebäudes gegeben sei, das »Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben«. (S. 186.) Daß ich es bin, der den Grundmangel in Nietzsches Ideenwelt scharf betont hat, weiß zwar der Franzose Henri Lichtenberger, der in seinem Buche »La philosophie de Nietzsche« sagt: »R. Steiner est l’auteur de Wahrheit und Wissenschaft et Die Philosophie der Freiheit; dans ce dernier ouvrage il complète la theorie de Nietzsche sur un point important.« Er betont, daß ich gezeigt habe, daß gerade Nietzsches »Übermensch« das nicht ist, was er sein sollte. Der deutsche Philosoph Karl Vorländer hat entweder meine Schriften nicht gelesen und urteilt dennoch über mich; oder er hat das gethan und schreibt die obigen und ähnliche objektive Unwahrheiten hin. Ich überlasse es dem urteilsfähigen Publikum, zu entscheiden, ob sein Beitrag, der würdig befunden wurde, in eine ernste philosophische Zeitschrift aufgenommen zu werden, ein Beweis für seine gänzliche Urteilslosigkeit oder ein bedenklicher Beitrag zur deutschen Gelehrten-Moral ist.

2. Biogenetisches Grundgesetz (S. 12, Z. 2 ff.). Haeckel hat die allgemeine Geltung und weittragende Bedeutung des biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachgewiesen. Die wichtigsten Aufschlüsse und Beweise findet man in seiner Biologie der Kalkschwämme (1872) und in seinen »Studien zur Gasträa-Theorie« (1873–84). Seitdem haben diese Lehre andere Zoologen ausgebaut und bestätigt. In seiner neuesten Schrift »Die Welträtsel« (1899) kann Haeckel von ihr sagen (S. 72): »Obgleich dieselbe anfangs fast allgemein abgelehnt und während eines Decenniums von zahlreichen Autoritäten heftig bekämpft wurde, ist sie doch gegenwärtig (seit etwa 15 Jahren) von allen sachkundigen Fachgenossen angenommen.«

3. Haeckels neueste Schrift (S. 13, Z. 4 ff.). In seinem kürzlich |52 erschienenen Buche »Die Welträtsel, Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie« (Bonn, Emil Strauß, 1899) hat Haeckel rückhaltlos die »weitere Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen« gegeben, die er in den oben angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch vertreten hat. Demjenigen, der die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit in sich aufgenommen hat, muß dieses Werk als eines der bedeutendsten Manifeste vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen. Es enthält in reifer Form eine vollständige Auseinandersetzung der modernen Naturwissenschaft mit dem philosophischen Denken aus dem Geiste des genialsten, weitblickendsten Naturforschers unserer Zeit heraus.

4. Zweckmäßigkeit und Zweck (S. 20, Z. 13 ff.). Es wird von denjenigen, die gerne gläubig an dem Vorhandensein von Zwecken in der Natur festhalten möchten, immer wieder betont, daß Darwins Anschauungen den Zweckgedanken doch nicht beseitigten, sondern ihn erst recht benutzen, indem sie zeigen, wie die Verkettung von Ursachen und Wirkungen durch sich selbst notwendig zur Entstehung des Zweckmäßigen führen müsse. Es kommt aber nicht darauf an, ob man das Vorhandensein von zweckmäßigen Bildungen in der Natur zugiebt oder nicht, sondern ob man annimmt oder ablehnt, daß der Zweck, das Ziel als Ursache bei Entstehung dieser Bildungen mitwirkt. Wer diese Annahme macht, der vertritt die Teleologie oder Zweckmäßigkeitslehre. Wer dagegen sagt: der Zweck ist in keiner Weise bei der Entstehung der organischen Welt thätig; die Lebewesen entstehen nach notwendigen Gesetzen wie die unorganischen Erscheinungen, und die Zweckmäßigkeit ist nur da, weil das Unzweckmäßige sich nicht erhalten kann; sie ist nicht der Grund der Vorgänge, sondern deren Folge: der bekennt sich zum Darwinismus. Das beachtet nicht, wer wie Otto Liebmann behauptet: »Einer der größten Teleologen der Gegenwart ist Charles Darwin« (Gedanken und Thatsachen, 1. Heft, S. 113). Nein, er ist der größte Antiteleologe, weil er solchen Geistern wie Liebmann, wenn sie ihn verstünden, zeigen würde, daß das Zweckgemäße erklärt werden kann, ohne daß man die Thätigkeit von wirkenden Zwecken voraussetzt.

5. Denkorgane (S. 22, Z. 11 ff.). In neuester Zeit ist es Paul Flechsig gelungen, nachzuweisen, daß in einem Teile der Denkorgane des Menschen sich verwickelte Strukturen finden, die bei den übrigen Säugetieren nicht vorhanden sind. Sie vermitteln offenbar diejenigen geistigen Thätigkeiten, durch die der Mensch sich vom Tiere unterscheidet.

6. Menschliche und tierische Seelenkunde (S. 30, Z. 12 ff.). Das Verdienst, gezeigt zu haben, daß kein wirklicher Gegensatz zwischen Tier-und Menschenseele besteht, sondern daß in einer naturgemäßen Entwickelungsreihe sich die Geistesthätigkeiten des Menschen an die der Tiere als eine höhere Form derselben anschließen, gebührt George Romanes, der in einem umfassenden Werke: »Die geistige Entwickelung im Tierreich« (1. Band) und »Die geistige Entwickelung beim Menschen und der Ursprung der menschlichen Fähigkeiten« (2. Band) gezeigt hat, »daß die psychologische Schranke zwischen Tier und Mensch überwunden ist«. |53

7. Virchow und Darwin (S. 32 ff.). Am 3. Oktober 1898 hielt Virchow die zweite der »Huxley Lectures« in der Charing Cross Hospital Medical School zu London, in der er sagte: »Ich darf annehmen, daß mir ein solcher Auftrag nicht erteilt worden wäre, wenn die Auftraggeber nicht gewußt hätten, wie tief das Gefühl der Verehrung für Huxley in meiner Seele ist, wenn sie nicht gesehen hätten, wie ich von den ersten bahnbrechenden Publikationen des verstorbenen Meisters an seine Leistungen anerkannt und wie sehr ich die Freundschaft geschätzt habe, die er mir persönlich zu teil werden Heß.« Nun bedeuten gerade diese bahnbrechenden Publikationen Huxleys den ersten großen Schritt zur Ausbildung der Theorie von der Affenabstammung des Menschen, die Virchow bekämpft und über die er auch in dem Huxley-Vortrag »Die neueren Fortschritte in der Wissenschaft« nichts zu sagen weiß, als einige, gegenüber dem heutigen Stande der Frage ganz bedeutungslose Worte, wie: »Man mag über die Entstehung des Menschen denken, wie man will, die Überzeugung von der prinzipiellen Übereinstimmung der menschlichen und der tierischen Organisation ist gegenwärtig allgemein angenommen . . . u. s. w.«

8. Unzweckmäßige Organe (S. 39, Z. 6 ff.). Über diese Organe sagt Haeckel in seinem Buche »Die Welträtsel« S. 306: »Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen, deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, ja, zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen. . . . Die Erklärung dieser zwecklosen Einrichtungen finden wir sehr einfach durch die Descendenztheorie. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe verkümmert sind und zwar durch Nichtgebrauch. . . . Der blinde Kampf ums Dasein zwischen den Organen bedingt ebenso ihren historischen Untergang, wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte.«

9. Andere Gegner Haeckels (S. 47 ff.). Hier konnte nur von solchen Einwänden gegen Haeckels Lehre gesprochen werden, die gewissermaßen typisch sind und die ihren Grund in veralteten, aber noch immer einflußreichen Gedankenkreisen haben. Die zahlreichen »Widerlegungen« Haeckels, die sich nur als Abarten der verzeichneten Haupteinwände darstellen, mußten ebenso unberücksichtigt bleiben, wie diejenigen, die Haeckel selbst am besten in seinem Buche über »Die Welträtsel« abgethan hat, indem er den wackern Kämpfern sagt: »Erwerbet Euch durch fünfjähriges, fleißiges Studium der Naturwissenschaft und besonders der Anthropologie (speziell der Anatomie und Physiologie des Gehirns!) diejenigen unentbehrlichen empirischen Vorkenntnisse der fundamentalen Thatsachen, die euch noch gänzlich fehlen.«

10. Erkenntnisgrenzen (S. 47, Z. 12 ff.). Auf welchem Mißverständnis die Annahme von Erkenntnisgrenzen beruht, habe ich nachgewiesen in meiner »Philosophie der Freiheit«. –

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